RITUALE

Rituale

«Das Ritual war immer eine der praktischsten und wirksamsten Methoden, die vom Einzelnen und von der Gemeinschaft so dringend benötigte Heilung zu befördern. (...) Bei rituellen Versammlungen benutzen die Menschen primär nichtverbale Mittel und stimulieren dadurch ihr Seelenleben. (...) Jedes Ritual hat zwei Teile. Der eine Teil ist geplant: Die Menschen bereiten den rituellen Raum vor und durchdenken die Choreografie des Ablaufs. Der andere Teil lässt sich nicht planen. Für ihn ist die Welt der Geister zuständig. Dieser unplanbare Teil ist eine spontane, unvorhersagbare Interaktion mit bestimmten Energiequellen. Es ist die Antwort auf den Ruf einer nicht-menschlichen Dimension, in einem grösseren Horizont aufzugehen. Es ist wie bei einer Reise. Bevor einer aufbricht, besitzt er seine Reise. Ist er einmal aufgebrochen, besitzt die Reise ihn.»
Malidoma Somé in «Die Weisheit Afrikas»


Unser Ritualverständnis

Für uns hat ein Ritual immer etwas damit zu tun, dass wir unterstützende Kräfte aus der unsichtbaren Dimension einladen, am Geschehen mitzuwirken. Dabei spielt es keine Rolle, welche Kräfte für jemanden unterstützend sind: Gott, Buddha, Allah, Schutzengel, Naturkräfte oder -geister, Ahnenseelen, Krafttiere, Geisthelfer, LehrerInnen aus andern Dimensionen ... Diese Kräfte können laut herbeigerufen werden; das kann aber auch still geschehen. Ein Ritual hat so immer auch etwas mit Beten zu tun.

An verschiedenen Seminaren (besonders mit Malidoma und Sobonfu Somé) haben wir lebendige Ritualformen kennen gelernt, bei denen die Natur, das gemeinsame Singen, Trommeln und kreative Gestalten eine tragende Rolle spielen. Diese Art von Ritualen gefällt uns sehr, da alle Beteiligten zur Kraft beitragen können. Sie sind zwar von afrikanischer Stammestradition beeinflusst, passen jedoch sehr gut in unsere westliche Kultur, eignen sich für Menschen mit den verschiedensten spirituellen und kulturellen Hintergründen und sind in dem Sinn universell.

Bestimmte Ereignisse im Leben rufen nach Ritualen: Übergänge, Abschiede, Trennungen, neue Lebensphasen, Geburt und Tod, alle Ereignisse, die starke Gefühle auslösen oder mit denen ich nicht versöhnt bin. Rituale können aber auch viel beitragen zur Bekräftigung von persönlichen Stärken, Visionen oder zum bewussten Erleben von besonders wichtigen Ereignissen (z.B. Geburt, Hochzeit, neue Berufsausrichtung, Hauseinweihung, Pensionierung ...) und können solche Feiern beleben und mit Sinn erfüllen.

Rituale leben von beseelten Handlungen und Begegnungen. Sie werden genährt von der persönlichen Hingabe an das Geschehen. Sie lassen mich neben der Pflichterfüllung und dem Funktionieren im Alltag Sinn erleben, klären Standpunkte und lassen mich neue Horizonte erblicken. Rituale haben eine klärende, erneuernde und heilende Kraft.

Wer sich vertiefter mit Ritualen und Gemeinschaft auseinander setzen will, dem sei die Lektüre des Buches von Malidoma Somé «Die Weisheit Afrikas / Rituale, Natur und der Sinn des Lebens» (2001, Hugendubel / Diederichs) empfohlen!

›Fachtext von Matthias Gerber zu Ritualen für Paare in Spuren 1/07